2020-07-30.Replik: Anonym


Eine Weile ist vergangen, seit Sie die erste Edition in den Händen hielten. Mich interessiert, was seither in Ihnen vorgegangen ist: Haben die Fragen einen Denkprozess ausgelöst oder lud das braune Sofa vielmehr dazu ein, es sich bequem zu machen und die Suche nach möglichen Antworten auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben?

«Geistiges Erwachen und das Sich-Erheben», wie es im Duden unter «Aufbruch» steht – das klingt erstmal dynamisch, nach Auftakt und Fortschritt! Lange genug verweilten wir in der angenehmen Sphäre unserer Komfortzone, ohne uns der ganzen Bequemlichkeit so richtig bewusst zu sein. Es ist an der Zeit, aus dem Dämmerzustand aufzuwachen, vom Momentum zu profitieren und die Zukunft mitzugestalten! Die letzten Monate haben gezeigt, dass einiges, was wir als Gegeben betrachteten, auch anders möglich ist. Nur: wohin soll die Reise gehen? Und was, wenn man von der zweifachen Krise, die uns aufgrund der Erderwärmung und Corona-Pandemie wohl noch für eine ganze Weile fordern wird, bereits müde und zermartert ist?

Darauf bietet die Edition 2020-06-01 keine Antworten. Stattdessen konfrontiert sie uns mit 57 Zeitfragen, deren ehrliche Beantwortung einer Herausforderung gleicht. War das wirklich nötig? Und: was soll das bringen?, haben Sie sich möglicherweise gefragt. Die Kritik mag berechtigt sein. Und doch glaube ich daran, dass die Fähigkeit, Fragen offen stehen zu lassen, das Ungewisse auszuhalten und nicht sofort der erstbesten Antwort nachzugehen, für ein Umdenken unabdingbar ist. Wenn es, frei nach Kant, zur Entstehung von Gemeinsinn der Selbstreflexion eines jeden Einzelnen bedarf, kann das Vorhandensein eines bequemen Sofas daher durchaus nützlich sein. Dort einzukehren, sich die Zeit herausnehmen, um Dinge in Ruhe zu betrachten, ist nicht gleichbedeutend mit Stagnation. Vielmehr bietet sich hier die Möglichkeit, Stärken im bereits Bestehenden zu sehen, daraus zu lernen und Lösungen auf jene Bereiche zu übertragen, die sich derzeit im Hintertreffen befinden.

Aufbruch ist gut, aber wir sollten uns mit Bedacht erheben, dürfen auch mal innehalten oder kleine Schritte tun. Denn nur so kann der proklamierte Aufbruch auch zu einem langfristigen Um-bruch führen. Für eine Zukunft, in der alle profitieren. Wir haben es in der Hand!